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Streitschlichtung am Gymnasium Waldstraße

streitschlichtunggy-waldstrasse.de

1. Aktueller Stand (Schuljahr 2013/14)

Seit dem Schuljahr 2011/ 12 wird die Streitschlichtung an der Waldstraße von Frau Blanke und Herrn Schalück moderiert.

Aufgrund des Wechsels der Ausbildungs-Lehrpersonen als auch wegen des Abiturdoppeljahrgangs 2013 hat sich die Doppelstruktur der Streitschlichtung seitdem verändert:

Zurzeit sind 14 Schülerinnen und Schüler der EF (Einführungsphase der Oberstufe) als Streitschlichter (Mediatoren), vor allem bei Konflikten von Schülerinnen und Schüler der Unterstufe, im Einsatz. In jeder zweiten großen Pause (11:05 – 11:20 Uhr) stehen zwei von ihnen im extra dafür vorgesehenen Streitschlichtungsraum (A 102) zur Verfügung.

In einer AG werden derweil (seit Oktober des aktuellen Schuljahres) 15 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 zu Streitschlichtern ausgebildet. Die Ausbildung, die in der Woche vor den Osterferien endet, findet dieses Jahr erstmalig vornehmlich in Blöcken statt, weil, aufgrund der hohen wöchentlichen Arbeitsbelastung, ein wöchentliches Treffen mit den SchülerInnen nicht konsequent möglich ist.

Bereits im Schuljahr 2012/13 hatten wir dieses angebahnt, mit einer Mischung aus einigen Treffen an Nachmittagen sowie fünf Blöcken während und außerhalb der Unterrichtszeit.

2. Mediation – Streitschlichtung: Was steckt dahinter?

Mediation – oft auch Streitschlichtung genannt - bedeutet Vermittlung und ist ein Verfahren zur Konfliktlösung. Sie basiert auf einem positiven Verständnis von Konflikten. Sie geht grundsätzlich davon aus, dass nicht die Existenz eines Konfliktes problematisch ist, sondern die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Streitschlichtung will vor diesem Hintergrund eine konstruktive Auseinandersetzung der Streitenden, den Aufbau einer Kultur des Streitens, in Gang setzen, in deren Verlauf Schüler Fähigkeiten wie Verständigungsbereitschaft, Eigenverantwortung und Toleranz bei der Konfliktlösung erlernen/ entwickeln.

Wie in jedem Raum, in dem Menschen zusammenleben, gibt es auch unter Schülerinnen und Schülern Interessenkollisionen und damit Anlässe für kleinere und größere Konflikte.

Ein Mediator hilft Streitenden als unparteiischer, unbeteiligter Dritter bei deren Konfliktlösung. Voraussetzung dafür ist, dass die Streitenden das Bedürfnis haben, eine Lösung zu finden und sich freiwillig, das heißt aus eigenem Antrieb, zu dem Streitschlichter begeben. Dessen Hilfe besteht vor allem darin, den einzelnen im wahrsten Sinne Raum, vor allem aber eine (Gesprächs-) Struktur, zu bieten, sich mit ihrem Problem auseinander zu setzen. Dies bedeutet, dass die Lösung eines Konfliktes nicht von den Streitschlichtern vorgegeben, sondern von den Kontrahenten, in Anwesenheit des Streitschlichters, selbst „erarbeitet" wird. Während des Gesprächs helfen die Streitschlichter den Betroffenen, sich über ihre Gefühle und Interessen klar zu werden und sie verständlich zum Ausdruck zu bringen.

Das gemeinsame Ziel ist es, eine Lösung ohne Verlierer zu finden.

3. Warum gibt es die Streitschlichtung bei uns?

3.1 Die Schule ist Teil der Gesellschaft – sie bildet auch deren Probleme ab!

Die Schule ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild unserer Gesellschaft mit all ihren Problemen. Und überall dort, wo Menschen zusammen leben und arbeiten, entstehen und existieren Probleme und Konflikte, die völlig natürlich sind und zum Teil auch produktiv, denn jeder ist einzigartig und sollte darin auch grundsätzlich bestärkt werden, sich dieses zu bewahren. Die entscheidende Frage ist: Wie nehmen wir Unterschiede und Konflikte wahr und wie gehen wir mit ihnen um?

In der Konsequenz bedeutet das also, dass sich Schule allgemein (und wir an der Waldstraße ganz konkret) mit den gegebenen Konflikten und deren Konsequenzen für die Betroffenen auseinandersetzen muss. Die notwendige Unterscheidung zwischen externen und schulinternen Konfliktursachen ist unter dem Aspekt der Frage, was man an der Schule dagegen tun kann, die angemessene Reaktion. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass wesentliche Faktoren für Konflikte und im Speziellen für Gewalt zwischen Schülern  außerhalb der Schule liegen. Wenn es um die Frage geht, inwieweit Schule für Konflikte und Gewalterscheinungen selbst verantwortlich ist, dann sind zunächst zwei dominierende Aspekte hervorzuheben.

1. Die Ausgangspunkte für Gewalt bei Schülern werden im Wesentlichen in den außerschulischen Lebenskontexten gelegt. Schule kann diese, bei den einzelnen Schülern sehr unterschiedlichen, Ausgangsbedingungen nur sehr schwer beeinflussen oder gar verändern. Dazu gehören solche Fragen wie die unterschiedliche intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder, die Fähigkeit, sich sozial zu verhalten und mit Konflikten umzugehen, gestörte Familienbeziehungen, unterschiedliche Erziehungsstile der Eltern usw. Dazu kommt vor allem bei älteren Jugendlichen oftmals die Integration in Jugendkulturen, d. h. die Mitgliedschaft in problematischen Cliquen und Szenen.

2. Der Schulbesuch ist bestimmend für die Jugendzeit. Was in der Schule passiert, ist äußerst wichtig für die gesamte persönliche Entwicklung. Hier werden die Weichen für später gestellt. Die Schule nimmt wie keine andere gesellschaftliche Institution, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, eine gesellschaftlich wirkungsvolle Einschätzung von Leistungserfolg und Leistungsversagen vor und ist damit an den Bedingungen beteiligt, die Gewalt hervorrufen können. Dabei ist neben der physischen Gewalt auch die sogenannte „stille Gewalt" wie Verächtlichmachung von schwächeren Schüler/innen und Ausgrenzung gemeint.

3.2. Streitschlichtung als Chance –wir sind dabei!

Wir an der Waldstraße sind nicht lebensfremd. Bei uns ist viel los und dabei entstehen auch Konflikte, die den Einen oder die Andere zuweilen ziemlich betroffen machen und manchmal sogar so weite Kreise ziehen, dass Unterricht gestört oder der Ärger mit nach Hause genommen wird.

Im Verlauf der vielen Streitschlichtersitzungen haben wir festgestellt, dass wirklich alle –ausbildende Lehrer, Streitschlichter und Streitende – ganz viel Positives mitnehmen können, wenn sie sich auf eine Begegnung im Streitschlichterraum einlassen, denn die Situation ist immer für alle neu und der Ausgang bzw. die zu treffende Vereinbarung noch unbestimmt.

Streitende und Streitschlichter machen sich immer gemeinsam auf den Weg, um eine Lösung, die bei jedem Streit ganz anders aussehen kann, zu finden.

Der Weg dahin aber ist ein einziger, positiver, Lernprozess, der

a) den Streitenden hilft, zukünftig zu beidseitiger Zufriedenheit miteinander

umzugehen und neue Wege zum Umgang mit Problemen/ Konflikten eröffnet.

b) den Streitschlichtern die Möglichkeit bietet, ihre Kenntnisse zur Mediation

anzuwenden und mit jedem (individuellen)neuen Streitfall zu erweitern sowie

auch für eigene Konfliktsituationen zu lernen.

Mit den in der Streitschlichtung –von allen Beteiligten! – erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden die Jugendlichen nicht nur in die Lage versetzt, zukünftige Konflikte gewaltlos und im Konsens zu lösen. Es erweitern sich auch ihre sozialen Kompetenzen und ihre Bereitschaft, diese außerhalb der Schule anzuwenden. Sie werden selbstbewusster und übernehmen spürbar mehr Verantwortung für ihr eigenes Handeln. Wer bereits als Jugendlicher gelernt hat, Konflikte im Dialog zu lösen und die Interessen und Beweggründe seines Gegenübers anzuerkennen, der wird auch als Erwachsener einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten und Interessensgegensätzen bevorzugen.

Weil diese Fähigkeiten und Fertigkeiten auch im späteren Berufsfeld von großer Bedeutung sind und bereits von vielen Arbeitgebern ausdrücklich gewünscht werden, stellen wir unseren ausgebildeten Streitschlichtern ein Zertifikat über ihre abgeschlossene Moderatorenausbildung aus, das sie ihrem Zeugnis bei Bewerbungen beilegen können.

4. Umsetzung der Streitschlichtung an unserer Schule

4.1 Ausbildung der Streitschlichter

Streit schlichten will gelernt sein. Zentraler Ansatz des Streitschlichter Programms ist darum die Befähigung von Schülern in weiterführenden Schulen, bei Konflikten unter Mitschülern vermittelnd tätig zu werden.

Zu Beginn der Ausbildung ist es zunächst grundlegend, dass sich alle gut kennen lernen und einen Umgang miteinander pflegen, der von Vertrauen und Verlässlichkeit geprägt ist.

Dazu gehört auch, dass sich alle Beteiligten im Streitschlichtungsraum wohl fühlen und er für alle auch eine Rückzugsmöglichkeit bietet.

Nach dem Kennenlernen findet eine intensive Auseinandersetzung mit folgenden Themenblöcken statt, die in ihrer Reihenfolge und Intensität, bedingt durch die jeweils unterschiedlichen Schülerinnen und Schüler der jährlichen AG, variieren können:

▪ Motivation

▪ Bedürfnisse

▪ Gewalt

▪ Aggression

▪ Streitschlichtung

▪ Phasen der Schlichtung

▪ Empathie

▪ Umgang mit Gefühlen

▪ Nonverbale Kommunikation

▪ Schwierige Konflikte

▪ Verantwortung

▪ Geschlechtsspezifika

▪ Grenzen der Schlichtung

▪ Rollenspiel I-III

Unserer Moderatorenausbildung findet vornehmlich in Phasen des kooperativen Lernens statt.

4.2 Ablauf einer Streitschlichtung

Jede Streitschlichtung ist anders, weil die Beteiligten jeweils variieren. So hat ein ausgebildeter Streitschlichter in der Regel nur an einem Tag in der Woche Dienst, wobei er in Folgegesprächen, d.h. wenn die Streitparteien ein weiteres Treffen vereinbaren, meist weiter die betroffenen Schülerinnen und Schüler begleitet.

Grundsätzlich ist eine Moderation immer eine Herausforderung an die Fertigkeiten und Fähigkeiten der einzelnen und vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, dass der Ablauf eines Schlichtungsgespräches vorgegeben ist.

Hier die Struktur:

1. Schlichtung einleiten: Vorstellung der Beteiligten und Bekanntgabe der Gesprächsregeln sowie des Ablaufs der Schlichtung

2. Sachverhalt klären: Darstellung der Sichtweisen der Konfliktparteien

3. Lösungen suchen und Verständigung finden

4. Vereinbarungen schriftlich festhalten.

4.3 Regeln während einer Streitschlichtung

Das Schlichtungsgespräch im Streitschlichterraum soll in einem vertrauensvollen Rahmen stattfinden. Darum ist es wichtig, dass alle Beteiligten die Regeln, die für die Schlichtung gelten kennen und akzeptieren.

Unsere gemeinsamen Regeln:

1. Das Schlichtungsverfahren ist keine Gerichtsverhandlung.

2. Es geht nicht darum, einen oder eine von euch zu verurteilen.

3. Wir wollen versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden, mit der ihr leben könnt.

4. Als Schlichterin oder Schlichter werde ich mich neutral verhalten und für keine oder keinen Partei ergreifen.

5. Alle Äußerungen werden streng vertraulich behandelt.

6. Jede und jeder darf ihre oder seine Meinung sagen und ausreden.

7. Gewalt oder die Androhung von Gewalt führt zum sofortigen Abbruch der Sitzung.

8. Falls euch strafrechtliche oder andere Konsequenzen drohen, so kann diese Schlichtung das nicht verhindern. Die Schlichtung dient vielmehr dazu, dass ihr einen Weg findet, miteinander umzugehen.

4.4 Der Streitschlichtungsraum A 102

Damit Konfliktlösungen durch Schülerinnen und Schüler gelingen können, müssen Rahmenbedingungen bezüglich Ort und Zeit der Schlichtung geschaffen werden. Vor allem ist ein gut erreichbarer Raum vonnöten, der durch seine Gestaltung eine vertrauensvolle Atmosphäre schafft und einen abschließbaren Schrank für die Schlichtungsvereinbarungen umfasst.

Unser Raum befindet sich im Erdgeschoss, direkt neben dem Sanitätsraum und ist unseres Erachtens gut für alle zu finden.

Wir haben ihn mit dem Ziel eingerichtet, einen Wohlfühlraum für alle Beteiligten einer Streitschlichtung bieten zu können.

5. Ausblick

Im kommenden Schuljahr würden wir gerne evaluieren, in welchem Maße die Schülerinnen und Schüler der Waldstraße, aber auch die Streitschlichterinnen und Streitschlichter selbst, das Angebot der Streitschlichtung wahrnehmen und als hilfreich erachten.

Stephanie Blanke                                                                    Johannes Schalück